Welt auf zwei Rädern

Der Äquator – nur eine Linie?

Am Äquator
Mein Hinterrad macht wieder Probleme. Scheinbar haben die Pisten, über das Trampolin de la Muerte in Kolumbien oder durch den EL Angel Nationalpark in Ecuador, doch ihre Spuren hinterlassen. Immerhin aber hat die neue provisorische Hinterradnabe seit San Agustin bis jetzt gehalten. Nachdem ich mich selbst bemühe und die Speichen etwas nachspanne komme ich damit ohne weitere Probleme bis Ibarra, wo ich dann im Bikeshop von Ivan Huaraz mein Hinterrad wieder neu zentriert bekomme. Weil wir schon da sind, macht Ivan bei beiden Rädern auch noch ein Service und verlangt dafür nicht mal etwas. Die Reise kann also wieder weitergehen und wir erreichen am selben Tag noch Cayambe.
Als wir am nächsten Morgen aus der Stadt rausfahren, kommen wir schnell wieder in unseren morgendlichen Radlermodus. Gedanklich darauf eingestellt, dass es wie schon die Tage zuvor in Ecuador, ständing rauf und runter geht, radeln wir vor uns hin. Ins Radfahren versunken, schrecke ich plötzlich auf – der Äquator sollte ja hier irgendwo sein – und ehe ich mich versehe, ist er auch schon da. Unübersehbar, ein Schild mit dem Hinweis – La Mitad del Mundo – die Mitte der Welt. Da sind wir nun am Namensgeber Ecuadors, der Nullinie, welche die Erde in eine Nord- und eine Südhälfte teilt, hier wechseln wir vom Sommer in den Winter. Es ist schon etwas Besonderes für uns, denn zum ersten Mal in unserer Leben sind wir nach der Überquerung des Äquators, auf der Südhalbkugel angekommen. Ein schönes Gefühl mit dem Rad hier zu sein.
Es radelt sich erstaunlich gut auf der Südhälfte und es ist auch erstaunlich warm hier im Winter. Wir sind bereits Richtung Quito, der ecuadorianischen Hauptstadt unterwegs, 60 Kilometer trennen uns noch von unserem Ziel. Kurz aber muss noch ein Stopp in einem Restaurant, zum bereits gewohnten Almuerzo (Mittagessen) sein , um uns zu stärken. Es ist zwar für uns Vegetarier seit Kolumbien immer das gleiche Essen, nämlich Reis mit Bohnen oder Linsen, oft Kochbananen und ein Ei und etwas Salat, manchmal mit oder ohne Suppe und einem Fruchtsaft dazu, doch irgendwie fehlt uns etwas , wenn wir dieses Mittagessen auslassen und mit 2-4 USD ist es auch relativ günstig. Zum ersten Mal auf der Reise haben wir mächtig Rückenwind und so erreichen wir Tumbaco, einen Vorort Quitos bereits am frühen Nachmittag.
In Tumbaco machen wir auch zum ersten Mal in einer “Casa del Ciclistas” Halt. In ganz Südamerika und mittlerweile auch außerhalb, gibt es einige dieser für Reiseradler tollen Möglichkeiten, um günstig zu übernachten und um andere Reiseradler zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Hier bei Santigo und seiner Familie schlagen wir im Garten unser Zelt auf. Wir werden etwas länger bleiben, denn in Quito bekommen wir Besuch aus der Heimat, ein Freund wird uns besuchen. Urlaub vom Radfahren ist angesagt. Bergsteigen und ein Besuch auf den Galapagos-Inseln sind geplant.
Doch die Pläne zum Bergsteigen ändern sich gleich einmal. Der Vulkan Cotopaxi, den wir besteigen möchten, spuckt wieder Asche, daher wird aus dieser Tour schon mal nichts. Wir wollen daher auf den Chimborazo rauf, doch auf 5.750m muss ich aufgeben. Zuviel Wind, Steine auf den Kopf und Kommunikationsprobleme mit den Bergführern rauben mir die Motivation weiterzugehen. Gerne wäre ich auf den 6.310m hohen Gipfel des höchsten Berges Ecuadors gestanden, aber es hat nicht sein wollen. Als Wehrmutstropfen kann ich mich aber über einen Gipfelsieg am Carihuairazo, dem Vorbereitungsberg, freuen. Oft ist weniger auch mehr, besser zumindest als ein Stein am Schädel.
Nach den Bergabenteuern kommen die Galapagos-Inseln genau zur richtigen Zeit. Geplant haben wir Stopps auf den Inseln San Cristobal, Isabela und Santa Cruz. Vulkane, Strände, Bootsfahrten und vor allem aber die fantastische Tierwelt an Land und im Wasser faszinieren uns hier. Nirgendwo sonst kann man diese Tiere in ihrer natürlichen Umgebung so erleben wie auf Galapagos . Egal ob bei Bootsausfügen, bei Wanderungen oder einfach nur am Hafen spazierend – überall kann man sie beobachten. Blaufußtölpel, wie sie in Angriffsformation erst übers Wasser fliegen, um sich dann pfeilartig ins Wasser zu stürzen. Schildkröten, majestätisch und gemächlich umherschreitend, erinnern an längst vergangene Zeiten. Rochen, Pinguine und Pelikane gleiten im bzw. übers Wasser. Besonders aber begeistert uns die Ruhe und Gelassenheit, die die Tiere hier ausstrahlen . Vor allem aber das die Tiere scheinbar am Leben der Menschen teilhaben und dies oft mitten am Hafen, an Stegen, am Fischmarkt, an den Stränden stattfindet und sogar auch Parkbänke und Boote von den Tieren benutzt werden, finden wir toll. Bleibt nur zu hoffen, dass sich der stetig wachsende Tourismus und die damit einhergehenden Veränderungen nicht allzu negativ auf all diese Schönheiten auswirken.
Nach all diesen Erlebnissen sind wir wieder in die Casa del Ciclistas nach Tumbaco zurückgekehrt. Unsere Räder warten hier wieder darauf gesattelt zu werden. Doch nach über 3 Wochen Pause vom Radfahren und den Erlebnissen der letzten Wochen fehlt uns, vor allem mir die Motivation weiterzuradeln. Nach einigen Tagen des Überlegens, entscheiden wir die Radreise hier zu beenden. Ohne es damals zu wissen, haben wir also am Äquator unsere imaginäre Ziellinie überquert. Der Äquator, wohl eine der markantesten Linien dieses Planeten und auf jeder Weltkarte eingezeichnet, bietet sich perfekt als Ziellinie an. Der Weg nach Quito, fällt dann unter die Kategorie ausrollen danach. Aus der Lateinamerika-Tour wurde so eine Radreise nach Quito. Wer weiß, vielleicht waren es die Erlebnisse am Berg, Gespräche mit anderen Reiseradlern oder die Seelöwen und Iguana die besonders mich mit ihrer Gelassenheit, die sie an den Tag legen, so sehr beeinflusst haben, um zu erkennen, das weniger oft mehr sein kann.
Kuba, Mexiko, Kolumbien und Ecuador – Vielen Dank für die vielen schönen Erlebnisse.

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September 26, 2015 Posted by | Ecuador | 1 Kommentar

El Ángel

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Der letzte Tag in Kolumbien ist von Wehmut geplagt. Auf dem Rückweg von der Wallfahrtskirche Las Lajas sehen wir einen Hund direkt am Straßenrand liegen. Von weitem denken wir uns zuerst nichts, da wir mittlerweile gewohnt sind, dass Pferde, Kühe und die unzähligen Straßenhunde oft direkt den Straßenrand zum Rasten nützen. Als wir näher kommen, sehen wir jedoch, dass der arme Kerl wohl von einem Auto erwischt wurde und nur noch ganz schwach atmet. Wo wir uns Zuhause einfach ins Auto setzen und zum nächsten Tierarzt rasen würden, stellt sich dies hier als schwierig heraus. „Es ist doch nur ein Hund von der Straße. Einen Tierarzt gibt es hier in der Nähe nicht.“, das sind die Worte, die wir von einer Dame zu hören bekommen, an deren Haus wir anklopfen. Traurig können wir in den nächsten Minuten nur zusehen, wie der Hund stirbt.

Die Grenzüberquerung nach Ecuador läuft einfach und unglaublich flott ab, ein Stempel auf kolumbianischer und ein Stempel auf ecuadorischer Seite und das wars auch schon. Der erste Grenzübergang in Lateinamerika, den wir fahrend auf unseren Rädern überwinden – viel einfacher als mit dem Flugzeug. An der Grenze tratschen wir noch eine Weile mit zwei soeben getroffenen oberösterreichischen Motorradfahrern und übersehen fast schon die Zeit. Denn wir möchten unbedingt noch in den El Angel Nationalpark radeln.

Dort bedecken ganze Heerscharen, der bis zu 7m hohen Korbblütler-Art Frailejones Gigantes, die Hochgebirgslandschaft, wie überdimensionale Schafherden. Nach nicht allzulanger Zeit blicken sie uns auch schon überall entgegen und wir müssen zusehen, dass wir vor Staunen und Fotografieren nicht die Zeit übersehen. Ein Autofahrer hatte uns zuvor noch gesagt, dass es hier außer einem Bauernhof und der Hütte vom Nationalpark keine Übernachtungsmöglichkeiten gäbe. Zwar haben wir derzeit den schönsten Tag bei warmen Temperaturen, doch da uns die letzten Tage meist kalt war und wir mindestens einmal am Tag nass wurden, finden wir die Idee mit einem Dach überm Kopf reizvoller, als zu zelten. Kurz bevor es dunkel wird, erreichen wir den Bauernhof und die freundliche Ecuadorianerin, die hier mit ihren 2 kleinen Kindern auf über 3.300 m lebt, lässt uns sogar unser Zelt in einem leerstehenden Zimmer im Haus aufbauen. Direkt am Haus angrenzend stehen wir mitten auf der Weide, auf der sich abends noch Lamas und Pferde und in der Früh eine Schafherde einfinden, einen besseren Schlafplatz hätten wir uns definitiv nicht suchen können. Über Nacht schaltet das Wetter auf Kälte und Nieselregen um und wir fahren anstatt in kurzen Hosen, mit unserer warmen Kleidung samt Regenschutz am Morgen vom Bauernhof in die fabelhafte Landschaft des Paramo hinaus.

Nachdem wir, wie auch schon am Vortag, den ganzen Vormittag mutterseelenallein durch den Nationalpark geradelt sind, erschrecken wir fast, als Tim, ein britischer Radlfahrer, um eine Kurve dahergeradelt kommt. Obwohl es mittlerweile schon richtig kalt wird, unterhalten wir uns fast zwei Stunden, bei Tee aus der Thermoskanne, mit den Rädern im Nirgendwo stehend und tauschen Radlernews aus. Als er jedoch nach einiger Zeit beginnt, die ganze Geschichte zu seiner Radtour zu erzählen, sind wir plötzlich nur noch geschockte Zuhörer. Tim begann die Radtour zusammen mit seiner Frau, bei einem Unfall mit einem Auto in Bolivien wurde Tim’s Frau getötet. Nach einer Pause ist er nun wieder aufgebrochen um die Tour weiterzufahren. Auf unserer Weiterfahrt bringen wir Tim’s Geschichte nicht und nicht aus unseren Köpfen – in Gedanken versunken radelten wir weiter durch den Nationalpark.

Es ist so ruhig und einsam hier, neben Tim kamen uns in den 2 Tagen nur zwei Autos entgegen, sonst begegneten wir hier niemanden. Hier erreichten wir auch mit 3.700 m den bisher höchsten Punkt auf dieser Reise, mit unseren Rädern. Die Strecke durch den El Angel Nationalpark zählt zweifelsohne bisher zu einer unserer Lieblingsstrecken.

So herzlich aufgenommen wir uns in Kolumbien gefühlt hatten, so gastfreundlich werden wir auch in Ecuador empfangen. In der Hospedaje, in der wir abends vom Nationalpark kommend eintreffen, genießen wir nicht nur eine seit langem ersehnte richtig heiße Dusche, sondern wir werden am nächsten Tag von der gesamten Familie zu einem Aussichtspunkt chauffiert und können zum ersten Mal den Ausblick auf einige der mächtigen Vulkane Ecuadors genießen. Im Anschluss daran, erhalten wir noch einen Nachmittagsbrunch und erst dann dürfen wir weiter.

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September 1, 2015 Posted by | Ecuador | Hinterlasse einen Kommentar