Ankunft in Peking
10. Juli 2009, es dämmerte schon, als ich verschwitzt und verdreckt mit meinem bepackten Fahrrad beim Einchecken in der Hotellobby eines Hotels wieder einmal die Blicke auf mich zog. Mein Velotraum durfte natürlich nicht mit in diesen “edlen Schuppen”, fand aber in einem Nebengebäude, welches sich als Hotelwäscherei herausstellte, ebenfalls eine nette Nächtigungssttte. Ich war geschafft – nach der Radreparatur am Vormittag und der danach anstrengenden Fahrt hierhin wusste ich nicht mal genau wo ich war. Passanten waren so nett und umso mehr geduldig, mir den Namen der Stadt irgendwie verständlich zu machen. Yixian, diese Stadt war in meiner Karte nicht mal eingezeichnet und da ich auch nicht genau wusste auf welcher Straße ich nun hierhin gefunden hatte, wollte ich wissen wie weit es denn nach Peking sei. 6 Stunden mit dem Bus, 400 km, 60 km, nein 3 Stunden mit dem Auto, ich einigte mich schließlich mit den “Yixianern” darauf, dass ich es am nächsten Morgen mit dem Rad austesten werde um nachher zu wissen wie weit es denn mit dem Drahtesel sei. Das Hotelzimmer, ich würde es auf 5 Sterne einstufen (wenn man die Sanitäranlagen nicht mitbeurteilt), machte die Tagesstrapazen aber schnell vergessen und nach der Dusche fühlte ich mich wieder pudelwohl. Den Hunger stillte ich in einem muslimischen Restaurant mit den fantastischen frisch zubereiteten Nudeln, die ich oft auf meinem Weg durch China in solchen Restaurants mit Genuss verzehrte. Das Restaurant lag an der Hauptstraße und war von einigen anderen Restaurants umgeben. Kaum jemand saß im Inneren eines dieser Häuser, alles spielte sich auf dem Gehsteig ab wo natürlich frisch gegrillt wurde und auch jede Menge Bier floss. Es war eine gemütliche Atmosphäre und ich genoss meine Nudeln, es waren die letzten dieser Art auf meiner Reise. Ein junger Chinese lud mich anschließend noch zu frisch gegrillten “lokalen Köstlichkeiten” – wie er es nannte - ein und wir unterhielten uns dabei noch ein wenig, denn er sprach gut Englisch.
Mein Velotraum war zwar über die Nacht in der Wäscherei, geputzt wurde es allerdings dort auch nicht und so begab ich mich mit meinen verschwitzt/verdreckten Klamotten und mit dem ebenso dreckigem Rad auf die Straße zu meiner letzten Tagesetappe nach Peking. Nach 40 Kilometern tauchte dann endlich das erste Pekingschild auf und ich wusste endlich wieder wo ich genau war. Ich hatte die Straße, die mich in die chinesische Hauptstadt führen sollte erreicht. Noch 80 Kilometer, standen an einem Wegweiser. Erst ab diesem Zeitpunkt war mir klar dass ich an diesem Tag mein Reiseziel erreichen würde und versank dabei in Gedanken. Der Staub, der Lärm, die stinkenden LKW, das laute Hupen – es war mir egal, meine Gedanken drehten sich nur noch darum dass mein Ziel Peking nur mehr wenige Kilometer entfernt lag. Erinnerungen an die Erlebnisse während der 11 Monate, die seit dem Start daheim auf, neben und ums Rad vergangen waren schwirrten in meinem Kopf herum. Und nebenbei vernahm ich immer wieder das mittlerweile gewohnte und irgendwie Routine gewordene Winken, Staunen und Zurufen der Menschen neben der Straße. Ja, auf diesen letzten Kilometern auf der scheinbar Schnur gerade verlaufenden Straße in die Metropole wurde mir auch klar, dass es die Menschen entlang der zurückgelegten Route waren, die meine Reise am meisten geprägt hatten. Es waren sehr bewegende Momente die mich an einem bewölkten, sehr schwülen 11. Juli 2009 auf der Strasse Nr. 107 immer wieder überkamen. Kilometer um Kilometer, Minute um Minute vergingen, doch ich hatte nie das Gefühl mich der rießigen Hauptstadt zu nähern. Auch noch nicht als ich mit dem Schild ”Beijing” die Provinzgrenze zu Peking passierte. Zwar wurde exakt ab diesem Zeitpunkt die Asphaltstraße deutlich breiter, jedoch das Verkehrsaufkommen und die Gebäude ähnelten eher dem eines Dorfes. Erst kam erstaunlich viel Grün auf mich zu, danach immer wieder kleine Städtchen, dies ging dann über in eine Zone mit unendlich vielen neuen noch im Bau befindlichen Hochhäusern und dann, dann kam eine Gruppe Radler die lächelnd und winkend an mir vorbeifuhren.
Etwas später wartete dann die gesamte Gruppe, es waren Mitglieder eines Pekinger Radclubs die auf der Rückfahrt von einer gemeinsamen Ausfahrt waren. Ich fragte, wie ich denn am besten zum Platz des Himmlischen Friedens käme und schon hatte ich eine Radeskorte dorthin. Da fast alle mit Rennrädern unterwegs waren und sie es scheinbar eilig hatten, gaben sie mir zu verstehen mich irgendwie bemerkbar zu machen falls ich nicht mitkommen sollte. Aber 11 Monate am Rad trugen auch etwas zur Kondition bei und so konnte ich trotz meines Gepäcks am Rad gut mithalten. Trotzdem war meine Konzentration immer auf meine Vorderleute gerichtet und so hab ich es irgendwie versäumt mitzukriegen wie wir die Stadt erreichten. Plötzlich waren wir in einem Verkehrschaos, bogen immer wieder in kleine Seitengässchen (Hutongs) ab, um an der nächsten Ecke wieder auf vierspurige, mit Fahrzeugen verstopften Straßen, die von Hochhäusern umgeben waren, zu stoßen. Entlang der großen Straßen benutzten wir meist die separat angelegten Geh- und Radfahrwege auf denen jedoch nicht weniger los war als auf den Hauptstraßen.
Nach und nach verabschiedeten sich meine Begleiter und so blieben nur noch Zwei übrig, die mich zu meinem Ziel führten. Wir bogen noch einmal rechts ab, als ich ein mir bekanntes Gebäude zu meiner Rechten erkennen konnte, das Nationaltheater, und schon rief einer meiner Begleiter:” Tian’anmen Guangchang” (Platz des Himmlischen Friedens) und deutet dabei gerade aus. Es war exakt 17Uhr 24Minuten und 42Sekunden (Ortszeit Peking) als ich auf der breiten Xichang’an Jie hielt. Mein Ziel war erreicht! Rechts von mir lag der 500m breite und 880m lange Platz des himmlischen Friedens und links von mir schaute Mao vom mächtigen Tor des Himmlischen Friedens. Beide Seiten waren voll von Menschen und schon kamen chinesische Sicherheitskräfte auf mich und meine Begleiter zu und meinten, dass wir hier nicht stehen bleiben dürften. Ich wollte aber unbedingt ein Foto von meiner “Zielankunft” mit meinem Velotraum und so entstand eine hitzige Diskussion. Einer meiner Begleiter machte sich aus dem Staub, der zweite diskutierte und versuchte den Sicherheitsleuten zu erklären, dass ich über 15000km hierher gefahren sei um dieses Foto zu machen. Schließlich lenkte einer der Herren ein und wir konnten mein gewünschtes Foto machen. Später erklärte mir mein chinesischer Radbegleiter, dass gerade die Fahnenparade stattfände und aus diesem Grund die Sicherheitsvorkehrungen höher seien danach musste auch er schon weiter. So stand ich noch eine Weile am Gehsteig und lies das ganze auf mich wirken.
Irgendwie hätte ich mir die Ankunft etwas weniger hektisch vorgestellt doch ich war überglücklich da zu sein. Um auch meine Familie zu informieren schrieb ich eine Nachricht nach Hause, dass ich angekommen sei und machte mich auf die Suche nach einer Unterkunft. Um wieder etwas zu mir zu kommen schaltete ich meinen MP3 Player an und irrte durch die Stadt. Ich schob mehr als ich fuhr und als dann Frank Sinatra’ s “I did it my way” erklang war ich überwältigt und ich begriff schließlich, dass die Endstation der Reise “Mit dem Rad auf der Seidenstraße” nach Peking erreicht war.
“Yes it was my way”













